Eine wunderbare CSD-Parade, ein Anschlag am Abend, die Situation danach …

Veröffentlicht 30.07.26 - von Thomas

Feiern ist politisch!
Berlin, 25. Juli 2026
Der Berliner Christopher Street Day 2026 war ein Tag voller Freude, Sichtbarkeit und Solidarität. Hunderttausende Menschen feierten Vielfalt, Freiheit und queeres Leben. Doch am Abend endete dieser Tag mit einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag, der viele Menschen erschütterte – auch uns.
Wir möchten berichten, was wir erlebt haben, welche Fakten bekannt sind und warum uns dieser Tag erneut vor Augen geführt hat: Feiern ist politisch.
 

Zwei CSDs in Berlin
Berlin hat seit Jahren zwei CSD-Demonstrationen.
Zum einen den großen Berliner CSD mit mehreren hunderttausend Teilnehmenden und zahlreichen Wagen, der inzwischen teilweise auch kommerziell geprägt ist. Zum anderen den kleineren, deutlich politischeren und alternativen CSD, die Internationalist Queer Pride, die in diesem Jahr im Wedding stattfand.

Einige von uns nahmen am politischen, alternativen CSD im Wedding teil. Eine kleine Gruppe von uns war gleichzeitig eingeladen, gemeinsam mit der Berliner Feuerwehr auf und neben dem Wagen Nr. 47 beim großen Berliner CSD mitzulaufen. So konnten wir beide Demonstrationen aus nächster Nähe erleben – jede mit ihrer eigenen Atmosphäre, ihrer eigenen Botschaft und ihren eigenen Herausforderungen.

Von diesem Tag möchten wir berichten.
Unser Tag bei den Berliner CSDs
Bereits um 12 Uhr mussten wir uns entsprechend des "Aufstellplans am Antreteplatz" einfinden. Nach einer sehr professionellen Sicherheitseinweisung durch einen ziemlich sexy Feuerwehrmann – was in unserer kleinen Gruppe durchaus für gute Laune sorgte – erhielten wir unsere Armbändchen.
Zwischen 12 und 13.30 Uhr wurden die Musikanlagen aller Wagen getestet. Die Leipziger Straße verwandelte sich in ein Meer aus Musik, Stimmen und Vorfreude. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung.
Der Weg führte über den Potsdamer Platz Richtung Nollendorfplatz. Erst gegen 17 Uhr erreichten wir die Kurfürstenstraße, gegen 17.30 Uhr den Nollendorfplatz. Danach ging es weiter über die Helmut-Kohl-Allee zur Siegessäule. Dort teilte sich der Zug. Als einer der letzten Wagen fuhren wir weiter in Richtung Brandenburger Tor.

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Überall standen Menschen. Hunderttausende.
Man konnte diese Menschenmenge nicht nur sehen – man konnte sie spüren.
Menschen unterschiedlichster Herkunft, Altersgruppen und Identitäten kamen zusammen, um Vielfalt, Liebe und gegenseitigen Respekt zu feiern. Der diesjährige Berliner CSD stand unter dem Motto:
„Haltung ist hot.“
Besonders in Erinnerung geblieben sind uns die vielen kreativen, klugen und kämpferischen Plakate. Zwei Botschaften haben sich bei uns eingebrannt. Auf einem Schild stand: Vulvas gegen Weidel.“ Provokant, humorvoll und zugleich eine klare politische Positionierung gegen eine Politik, die queere Menschen ausgrenzt. Ein anderes Plakat brachte den Kern des CSD vielleicht noch treffender auf den Punkt: „Respect my existence or expect my resistance.“ („Respektiere meine Existenz oder rechne mit meinem Widerstand.“) Diese beiden Sätze stehen exemplarisch für das, was den CSD seit seinen Anfängen ausmacht: Sichtbarkeit, Selbstbehauptung und den Mut, sich gegen Diskriminierung und Hass zu stellen.

„Krank bis Ende Merz“ – aber gesund genug, um für meine Rechte zu kämpfen.
Es greift  die Idee auf, sich als Form politischen Protests krankschreiben zu lassen – eine Aktionsform, die in linken Kreisen in Italien als Widerstand gegen die Regierung Meloni diskutiert und propagiert wird. Die Botschaft lautet augenzwinkernd: „krank bis zum Ende von Merz“, also solange er im Amt ist, aber gleichzeitig gesund genug, um sich aktiv für die eigenen Rechte einzusetzen. Das Plakat zeigt exemplarisch, wie Humor, internationale Protestkultur und kreative Wortspiele genutzt werden, um politische Kritik zu formulieren und Solidarität auszudrücken – ganz im Sinne der CSD-Tradition.

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Was am Abend geschah
Gegen 20.30 Uhr verließen wir den Wagen und machten uns auf den Heimweg.
Während die Abschlussveranstaltung am Brandenburger Tor noch lief, änderte sich die Situation dramatisch.
Gegen 22.15 Uhr wurde die Veranstaltung plötzlich abgebrochen. Die Besucherinnen und Besucher wurden aufgefordert, das Gelände zu verlassen und insbesondere den Bereich um die Siegessäule zu meiden.
Kurz darauf wurde bekannt, dass es im Tiergarten einen mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag gegeben hatte.
Ein 21-jähriger deutscher Staatsbürger mit libanesischem Familienhintergrund und einer einschlägigen Vorstrafenserie fuhr mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge. Anschließend griff er weitere Menschen mit einer Machete an. Eine 65-jährige Frau aus Polen wurde getötet. 31 Menschen wurden verletzt, drei davon lebensgefährlich.
Der Tatverdächtige galt bereits zuvor als islamistischer Gefährder und war im Vorjahr wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Nach einer groß angelegten Fahndung wurde er am Sonntagabend in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau gestellt. Als er mit einer Stichwaffe auf Einsatzkräfte zulief, schoss das SEK auf ihn. Er starb noch am Einsatzort. Die Bundesanwaltschaft ermittelt weiterhin zu möglichen Hintermännern oder Mitwissern.
 

Der sehr politische CSD im Wedding
Parallel zum großen Berliner CSD fand die Internationalist Queer Pride im Wedding ab 15 Uhr statt.
Nach Angaben der Polizei nahmen dort rund 7.000 Menschen teil. Vor Ort waren mehrere Hundert Polizeikräfte im Einsatz. Ein ganz anderes Verhältnis Polizei/Demonstranten als beim großen, wo der Anschlag geschah. Nachdem trotz mehrfacher Aufforderungen die in Deutschland verbotene Parole „From the River to the Sea, Palestine will be free“ gerufen worden war, nahm die Polizei eine Person fest. Bei anschließenden Befreiungsversuchen setzte sie Pfefferspray und unmittelbaren Zwang ein. Insgesamt kam es zu neun Festnahmen. Der ganze Demozug wurde daher über mehrere Stunden gestoppt. Während sich ein erheblicher Teil der Polizeikräfte mit dieser verhältnismäßig kleinen Demonstration beschäftigte, begleiteten rund 1.700 Beamtinnen und Beamte den großen CSD mit seinen Hunderttausenden friedlich feiernden Menschen.
Am Abend ereignete sich dann der Anschlag.

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Das Entsetzen danach
Als wir gegen 23 Uhr zu Hause die ersten Nachrichten lasen, waren wir fassungslos. Am nächsten Morgen kamen die ersten Rückmeldungen von Männern, die sich für unseren Tantastic!-Abend angemeldet hatten. Eine Nachricht hat sich besonders eingeprägt: „Ich hänge in einem Freeze fest – bin innerlich total erregt, aber gleichzeitig gelähmt.“
Viele der Männer, die zu unseren Veranstaltungen kommen, sind sehr sensible Menschen. Manche tragen Erfahrungen von Ausgrenzung, Gewalt oder Ablehnung mit sich. Wenn queere Menschen erneut erleben, dass eine Veranstaltung der Sichtbarkeit und Lebensfreude Ziel eines tödlichen Anschlags wird, reißt das bei vielen alte Wunden wieder auf. Zur Trauer über die Opfer kommt die Angst.
Angst vor weiterer Gewalt.
Angst vor zunehmendem Extremismus.
Und angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in mehreren Bundesländern beschäftigt viele auch die Frage, wie sich unsere Gesellschaft verändern wird und welchen Platz queere Menschen künftig noch haben werden. Diese Sorgen begegnen uns in Gesprächen immer häufiger.

Feiern ist politisch !
Der CSD war nie nur eine Party. Die Anfänge 1979 waren „nur“ eine Demo von 80 bis 100 Leuten in Berlin und Köln…Er entstand aus Protest gegen Diskriminierung und staatliche Gewalt. Sichtbar zu sein, gemeinsam auf die Straße zu gehen und das eigene Leben zu feiern, war und ist immer auch eine politische Handlung.
Feiern bedeutet in diesem Zusammenhang: Wir verstecken uns nicht.
Wir zeigen, dass wir da sind.
Dass wir lieben.
Dass wir unterschiedlich sind.
Und dass wir dieselben Rechte und dieselbe Sicherheit verdienen wie alle anderen Menschen.
Feiern schafft Gemeinschaft. Es macht Minderheiten sichtbar und stärkt Zusammenhalt. Gerade deshalb richtet sich Hass häufig gegen solche Orte der Offenheit.
Der Berliner CSD 2026 hat uns erneut gezeigt, wie eng Freude und Verletzlichkeit beieinanderliegen können.
Gerade deshalb dürfen wir uns die Freude nicht nehmen lassen.
Denn Sichtbarkeit ist nicht nur bunt.
Sichtbarkeit ist Haltung.
Und deshalb bleibt wahr:
Feiern ist politisch!


Thomas_Trainer_Profil

Thomas (Gehirnnahrung schreiben - über den Tellerrand hinaus)

Thomas teilt gerne seine vielfältigen persönlichen Erfahrungen